1. Ein neuer Blick auf Arbeitsunfälle
Wenn über Arbeitsunfälle gesprochen wird, richten sich viele Erwartungen zunächst auf technische Mängel, organisatorische Lücken oder fehlende Fachkenntnisse. Doch die Unfallstatistiken zeigen seit Jahren etwas anderes: Der Großteil aller Arbeitsunfälle entsteht durch unsicheres Verhalten der Mitarbeitenden - ob Routinefehler, unterschätzte Risiken oder das bewusste Abweichen von Regeln. Diese Handlungen entstehen meist nicht aus Absicht, sondern aus Gewohnheit, Zeitdruck oder Fehleinschätzungen.
2. Warum Disziplinierung nicht weiterhilft
Praxisbeispiele zeigen deutlich: Schuldzuweisungen oder strenge Maßnahmen führen kaum zu nachhaltiger Verbesserung – im Gegenteil, sie erzeugen oft Widerstand oder Vermeidungsverhalten. Unfallanalysen machen zudem sichtbar, dass regelwidriges Verhalten meist über längere Zeit auftritt, darüber gesprochen wird, sich jedoch wenig ändert. Der Grund liegt auf der Hand: Verhalten verändert sich nicht durch Appelle, sondern durch erlebbare Konsequenzen sowie Rahmenbedingungen, die als sinnvoll und motivierend empfunden werden. Genau an diesem Punkt setzt Behavior Based Safety (BBS) an.
Ein Praxisbeispiel:
In einem Produktionsbetrieb häuften sich kleinere Handverletzungen, weil Mitarbeitende regelmäßig ohne Schutzhandschuhe arbeiteten. Die Führungskräfte reagierten zunächst mit strengen Anweisungen: Wer ohne Handschuhe angetroffen wurde, erhielt eine schriftliche Verwarnung. Zusätzlich wurde das Thema mehrfach in Meetings „mahnend“ angesprochen.
Trotz der Maßnahmen änderte sich das Verhalten kaum. Einige Mitarbeitende begannen sogar, die Handschuhe nur dann schnell anzuziehen, wenn eine Führungskraft in Sichtweite war. Andere erklärten, die Handschuhe behinderten sie bei feinmotorischen Tätigkeiten – was jedoch niemand offen ansprach, weil die Atmosphäre zunehmend kontrollierend wirkte.
Erst als eine BBS-Beobachtung eingeführt wurde, wurde klar, dass die Handschuhe tatsächlich unpraktisch waren: sie rutschten häufig, waren zu dick für bestimmte Arbeitsschritte und wurden daher als störend empfunden. Gemeinsam mit einem kleinen Team von Mitarbeitenden wurden anschließend andere Handschuhtypen getestet. Erst der neue, ergonomischere Handschuh führte dazu, dass Mitarbeitende ihn freiwillig und konsequent trugen.
Das zeigt:
Nicht Disziplin oder Druck bewirken eine nachhaltige Verhaltensänderung, sondern sinnvolle Rahmenbedingungen, Beteiligung und erlebbare, positive Konsequenzen.
3. Behavior Based Safety – ein System, das Verhalten lenkt
BBS ist ein Ansatz im Arbeitsschutz, der nicht am Symptom, sondern an der Ursache ansetzt: dem Verhalten. Ziel ist es, die Bedingungen so zu gestalten, dass sich Mitarbeitende automatisch sicherer verhalten.
Kernprinzipien von BBS sind:
- Beobachtung von Arbeitsverhalten
Nicht, um zu kontrollieren, sondern um Muster zu erkennen. - Positive Verstärkung
Sicheres Verhalten wird bewusst wahrgenommen, benannt und wertgeschätzt. - Einbeziehung aller Beschäftigten
Sicherheit wird nicht verordnet, sondern gemeinsam gestaltet. - Fokus auf Lösungen statt Schuld
Es geht darum, aus Beobachtungen zu lernen.
Durch diese Herangehensweise werden Risikosituationen früh erkannt, Verhaltensmuster sichtbar – und gleichzeitig entsteht ein konstruktives Klima, in dem Sicherheit selbstverständlich wird.
Ein Praxisbeispiel:
In einem Logistikbereich kam es regelmäßig zu beinahe‑Unfällen beim rückwärts rangieren von Hubwagen. Klassische Sicherheitshinweise zeigten wenig Wirkung.
Mit der Einführung von BBS wurde zunächst eine Verhaltensbeobachtung durchgeführt. Dabei fiel auf, dass viele Mitarbeitende unter Zeitdruck auf Sichtkontrollen verzichteten, weil die Wegeführung unübersichtlich war.
Statt zu tadeln, wurde das sichere Verhalten gezielt gelobt, wenn Mitarbeitende trotz Stress die Rundum‑Blicke korrekt ausführten. Gleichzeitig entwickelte ein kleines Team aus Beschäftigten eine bessere Markierung der Laufwege und brachte zusätzliche Spiegel an unübersichtlichen Stellen an.
Bereits nach wenigen Wochen wurde beobachtet, dass Mitarbeitende häufiger von selbst korrekt anhielten, sich umsahen und rangierten. Die Gespräche über Beobachtungen verliefen offen und lösungsorientiert – nicht über Schuld, sondern über Verbesserungen.
Ergebnis:
Das Verhalten änderte sich nachhaltig, weil die Bedingungen verbessert wurden und positives Verhalten Anerkennung fand. Sicherheit wurde im Team alltäglicher und selbstverständlicher.

4. Führungskräfte gestalten Sicherheitskultur
Führungskräfte sind zentrale Multiplikatoren im verhaltensorientierten Arbeitsschutz. Aus diesem Grund sollten Führungskräfte zum Thema BBS intensiv geschult werden. Im Rahmen einer Schulung wird vermittelt, welche Instrumente im BBS zur Verfügung stehen und wie diese wirksam eingesetzt werden können.
Sie entwickeln Kompetenzen, um:
- Arbeitsverhalten systematisch zu beobachten
- richtig auf sicheres und unsicheres Verhalten zu reagieren
- Mitarbeitende aktiv in den Verbesserungsprozess einzubeziehen
- Ziele zur nachhaltigen Verhaltensänderung zu setzen
- eine Anerkennungskultur im Arbeitsschutz zu etablieren
Der Fokus liegt auf respektvoller Kommunikation, auf echter Wertschätzung und darauf, Sicherheit nicht als Pflicht, sondern als Teamleistung zu verstehen.
Entdecken Sie hierzu das concada Seminar:
Verhaltensorientierter Arbeitsschutz – Behavior Based Safety (BBS) - für Führungskräfte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit
5. Von der Schuldfrage zur Ursachenklärung
Ein starkes Element des BBS-Ansatzes ist der Perspektivwechsel:
Weg von der Frage „Wer hat etwas falsch gemacht?“ hin zu „Was hat zu dem Fehler geführt – und wie können wir es zukünftig besser machen?“
Dieser Ansatz fördert:
- offenes Ansprechen von Risiken
- mehr gegenseitige Aufmerksamkeit
- konstruktive Lösungen statt Rechtfertigungen
- das gemeinsame Verständnis, dass jeder einen Beitrag leisten kann und soll
Wenn Teams beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen und positive Verhaltensweisen zu stärken, verändert sich das Sicherheitsklima dauerhaft.
Für Mitarbeitende bietet die concada GmbH ebenfalls ein passendes Seminar an: Verhaltensorientierter Arbeitsschutz – Behavior Based Safety (BBS) – für Mitarbeitende
6. Fazit: Was verhaltensorientierter Arbeitsschutz bewirkt
Die Einführung verhaltensorientierten Arbeitsschutzes kann nicht nur zu weniger Unfällen führen, sondern auch das Miteinander im Betrieb stärken.
Verhaltensorientierter Arbeitsschutz fördert Zusammenarbeit, Vertrauen und ein wachsendes Verantwortungsgefühl innerhalb von Teams. Eine Unternehmenskultur, die konsequent auf Anerkennung, aufmerksame Beobachtung und gemeinsames Lernen setzt, entwickelt langfristig mehr Sicherheit, motivierte Mitarbeitende, ein höheres Maß an Eigenverantwortung und eine positive Sicherheitskultur, die sich dauerhaft selbst trägt und weiterentwickelt.
FAQ: Behavior Based Safety (BBS)
1. Was versteht man unter Behavior Based Safety?
Behavior Based Safety ist ein Ansatz im Arbeitsschutz, der sich auf beobachtbares Verhalten konzentriert. Ziel ist es, sicheres Verhalten durch Feedback, Beteiligung und gute Rahmenbedingungen zu fördern.
2. Warum ist BBS wirksamer als reine Regeln oder Disziplinarmaßnahmen?
Weil sich Verhalten selten durch Druck ändert. BBS setzt auf positive Verstärkung und Ursachenanalyse. Dadurch verändern Teams ihr Verhalten nachhaltiger und bauen eine echte Sicherheitskultur auf.
3. Wie unterstützt BBS Unternehmen in Deutschland bei der Reduzierung von Arbeitsunfällen?
Durch systematische Beobachtungen, offene Gespräche und praktische Verbesserungsmaßnahmen werden Risiken früher erkannt – und dadurch Unfälle messbar reduziert.
4. Welche Rolle spielen Führungskräfte im Behavior‑Based‑Safety‑Prozess?
Führungskräfte fördern die Sicherheitskultur, indem sie Verhalten beobachten, wertschätzendes Feedback geben und Mitarbeitende aktiv in Verbesserungen einbeziehen.
5. Für wen eignet sich eine BBS‑Schulung?
BBS eignet sich für Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Führungskräfte und Mitarbeitende, die aktiv an der Weiterentwicklung der Sicherheitskultur im Unternehmen mitwirken wollen.
